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Humor im sozialarbeiterischen Dialog, oder "Scherz beiseite?"

Mit Sozialarbeit verbindet man/frau unter anderem eines: Die Aufgabe, menschliches Leid zu lindern. Das bringt selten etwas Erheiterndes mit sich, doch muß dieser Beruf ausschließlich in einem ernsten Kontext stattfinden?


In Beratungsgesprächen und therapeutischen Sitzungen wird der "Leidensdruck" zum zentralen Thema gemacht, die Bedürfnisse unserer KlientInnen müssen (mit) ernst genommen werden, mitschwingen mit der Gefühlswelt Depressiver ist eine Selbstverständlichkeit für SozialarbeiterInnen geworden. Gleichzeitig sucht man/frau sich in der Kunst der Abgrenzung von Fallgeschichten Platz zu schaffen, der wieder Kraft und Motivation, Luft zum Atmen gibt.


Verschiedenste ernsthafte Techniken wurden und werden dazu entwickelt, wie z. B. die Supervision. Fort - Weiter und Ausbildungen werden besucht, um sich fachlich neu zu orientieren. Erhofft wird sich eine oder gleich mehrere neue Techniken, die das Berufsleben der HelferInnen verlängern mögen. Doch die Erfahrung zeigt, daß Fortbildung allein nicht ausreicht, um sich als HelferIn neu motivieren zu können, eine andere Einstellung zum Beruf sollte da schon her. Doch wie stellt man/frau das an? Und was hat der Humor dabei zu suchen?


Der Humor in seiner Funktion als bewährte Streßbewältigung hat definitiv Einzug in das Leben der HelferInnen gehalten, doch von ihnen leider extrem unterschätzt und oftmals geradezu als Berufsfeind deklariert, kann er zur Zeit kaum mehr leisten als in der Freizeit als Blitzableiter in fröhlichen Runden mit Familie und Freunden gebraucht zu werden. Trotz seiner bewiesenen positiven Auswirkung auf die Sozialarbeit wird er - wenn überhaupt - oft nur als angenehme Randerscheinung in der Arbeit mit KlientInnen akzeptiert. Er wird unbewußt wahrgenommen, aber nur selten bewußt eingesetzt.


Was der Humor in helfenden Berufen jedoch wirklich zu leisten vermag, ist trotzdem untersucht worden und man/frau ist zu erstaunlichen Erkenntnissen gekommen:


Die Dinge auf den Punkt zu bringen, ein einfacher Witz, ein einfaches Lachen, das kann in einem Beratungsgespräch oft aussagekräftiger sein, als die beste Formulierung im ernsthaften Stil. Gerade bei KlientInnen mit depressiven Symptomatiken verhalten sich HelferInnen fälschlicherweise häufig zu zurückhaltend. Sie möchten ihre KlientInnen natürlich niemals durch unsensible Statements verunsichern oder gar verletzen. Jedoch bedeutet zurückhaltend und vorsichtig zu sein, nicht auch auf der Stelle der aktuellen Befindlichkeit der KlientInnen zu treten, ihnen keine andere Perspektive zu bieten, außer mit ihnen mitzuschwingen? Viele HelferInnen machen dann die Erfahrung, in den Befindlichkeitssog ihrer KlientInnen mit hineingezogen zu werden. Ein deutliches Abgrenzungsritual wird dann initiiert, um sich aus der Umklammerung der KlientInnen lösen zu können.


Arbeit in einem ausschließlich ernsten Kontext hat zahlreiche negative Auswirkungen, unter anderem findet sich ein guter Nährboden für Zynismus, der sich zum Ziel setzt, als Bewältigungsstrategie zu dienen. Wir schätzen, lieben und verehren unsere ZynikerInnen, die Situationen so trefflich analysieren können. Nichts ist mehr dann wie vorher, weil sowieso alles schlecht ist. Wie fühlen wir uns dann? Besser! So gut, da wir über allem erhaben zu sein scheinen. Zynismus bietet uns einen perfekten Schutzpanzer für unser angeknackstes Selbstbewußtsein. Wenn die Welt durch und durch schlecht ist, was kann HelferIn denn da noch großartig tun. Helfen kann er/sie sowieso nicht, höchstens da und dort eine Kleinigkeit verändern. Zynismus befriedigt aber keineswegs auf Dauer unser Bedürfnis nach Psychohygiene. Denn Zynismus führt lediglich dazu, ein Weltbild zu entwickeln in dem zu leben eigentlich nicht mehr leben bedeutet, sondern die Dinge von oben zu betrachten, gewissermaßen als bereits Verstorbener, der soundso "schon immer alles gewußt" hat.


Exkurs:
In letzter Zeit hat sich eine meiner Meinung nach besondere Form des Zynismus entwickelt, bekannt als "political correctness". Ich bezeichne pc sehr absichtlich als eine Zeiterscheinung, welche in äußerst zynischer Form alle Lebewesen zu diskriminieren versucht, auf den ersten Blick aber scheinbar das Gegenteil davon zu sein scheint. Political correctness könnte zu einer äußerst gefährlichen Philosophie werden, die zur Aufgabe hat, Emotionen, Meinungen und Kritikfähigkeit extrem zu unterdrücken. Es könnte ein einheitliches Denken geschaffen werden, das alle Lebewesen auf dieser Welt zu einem Einheitsbrei vermischt. Gerade die Sozialarbeit aber hat Gedanken der pc freudig aufgenommen, es ist sogar ein Zwang zur pc zu beobachten. Zweifellos ist das "große I", welches schon vor längerer Zeit erfolgreich in unser Sprachbild Einzug gehalten hat, ein großer Fortschritt in einer von der männlichen Herrlichkeit gewachsenen deutschen Sprache. Sinnvoll ist es, eingeschliffene Sprachmuster kritisch zu betrachten und durch Alternativen (man/frau, Innen) in Frage zu stellen. Die Nebenwirkung die pc allerdings mit sich bringt, nämlich absolute Toleranz die zur Gleichgültigkeit wird, findet jedoch noch keine Beachtung, im Gegenteil: Gerne werden die GeisterInnen gerufen, die Toleranz predigen, ja zum Diktat erheben.


Die Auswirkungen von pc auf den Humor liegen auf der Hand. Der Zwang, ständig politisch korrekt sein zu müssen, zwingt den Humor gleichsam in die Knie.


Es liegt mir fern, das Überleben des schlechten faschistischen Witzes sichern zu wollen und political correctness hat zweifellos ein Bestandteil von Sozialarbeit zu sein, aber welcher absolut politisch korrekte Witz kann schon lustig sein?


Steht nicht am Ende aller "political correctness" außer Frage, einen Witz über sich selbst zu machen, da man selbst die kleinste Einheit einer Minderheit darstellt?


Wollen SozialarbeiterInnen den Humor in ihre Arbeit einbeziehen, so müssen sie natürlich abwiegen, welche Auswirkungen der Humor auf ihr Klientel haben wird. Durch Humor kann ein Mensch zu seinen überwältigenden Gefühlen oder irrationalen Ideen einen angemessenen Abstand gewinnen. Der Abstand, der Raum gewährt und uns befähigt, zuzuhören und kritisch zu sein gegenüber Gefühlen und Ideen, um konstruktiver reagieren zu können. Humor hilft uns, - und das ist gerade in helfenden Berufen von großer Bedeutung -, unsere Gedanken und Gefühle zu überwachen. Er befähigt uns, Gleichgewicht, Augenmaß und eine optimale psychologische Distanz in der Vielfalt unseres Lebens zu behalten. Im Umgang mit unserem Klientel sollte uns der Humor Mittel zur Intervention werden.


Lachen kann uns als Einschätzungshilfe der Probleme unserer Klienten am Anfang unserer Arbeit dienen, während der Arbeit und mittels der Deutung von Lachen können wir auch feststellen, wie wirksam unsere Interventionen waren.


Humor hat die Fähigkeit, selbst als ausschließlich positive Bewältigungsstrategie zu dienen und kann somit als Gegenmittel zu einem drohenden "Burn out" Syndrom eingesetzt werden.


Sigmund Freud erkannte den Humor nicht bloß als angenehme Eigenschaft im Umgang mit seinen PatientInnen, er wies in seinen Werken immer wieder auf die Möglichkeit hin, Humor bewußt in die Arbeit mit einzubeziehen. Frank Farrelly, ein amerikanischer Psychotherapeut begann 1974 mit der Entwicklung der "Provokativen Therapie", deren Basis die Bereitschaft, Humor in die psychotherapeutische Arbeit aktiv und bewußt mit einzubeziehen, bildet.


Bis jetzt gibt es in der Literatur zur Sozialarbeit leider nur wenig Auseinandersetzung mit Humor. Lediglich einzelne Texte, die ab und zu in Fachzeitschriften oder wenig verbreiteten Fachbüchern erschienen, lassen darauf schließen, daß Sozialarbeit nicht ausschließlich ernst sein muß.


SozialarbeiterInnen sind deswegen aber nicht von Natur aus humorlos, vielmehr hat es den Anschein, daß der Einsatz von Humor in der Arbeit einem scheinbar klar definierten Bild sozialarbeiterischer Ethik gleichkommt, das zur Bedingung hat, sich ständig ernst darstellen zu müssen. Warum nehmen HelferInnen dann nicht auch den Humor endlich ernst?


Copyright © Christian Zajer (September 1998)

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